Wissenschaftliche Sensation
Durchbruch im Kampf gegen Krebs: Chemiker züchten natürlichen Wirkstoff Disorazol Z1 erstmals im Labor
- Aktualisiert: 04.04.2025
- 08:56 Uhr
- Michael Reimers
Wissenschaftler:innen feiern einen Durchbruch im Kampf gegen Krebs: An der Universität Magdeburg konnte erstmals der natürliche Wirkstoff Disorazol Z1 synthetisch hergestellt werden.
Das Wichtigste in Kürze
Einem Forschungsteam an der Universität Magdeburg ist die die weltweit erste Totalsynthese des Wirkstoff Disorazol Z1 gelungen.
Er gilt als einer der stärksten Zytostatika - Substanzen, die in der Medizin vor allem im Rahmen der Chemotherapie eingesetzt werden.
Die Substanz soll nun so weiterentwickelt werden, dass sie gezielt Krebszellen angreift.
Die Universität Magdeburg meldet einen wissenschaftlichen Durchbruch im Kampf gegen Krebs. Chemiker:innen der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg sei es als ersten Wissenschaftler:innen der Welt gelungen, den in der Natur vorkommenden Wirkstoff Disorazol Z1 im Labor synthetisch nachzubauen, heißt es in der Pressemitteilung der Uni.
Das Forschungsprojekt wurde mit insgesamt rund 1,7 Millionen Euro des Landes Sachsen-Anhalt sowie aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) finanziert.
Natürlicher Wirkstoff in Tiermist enthalten
Das Team um Professor Dr. Dieter Schinzer vom Institut für Chemie hat demnach die weltweit erste Totalsynthese dieses Naturstoffs erzielt, der als einer der stärksten Zytotoxika gilt. Zytostatika sind toxische, als giftige chemische Substanzen, die in der Medizin als Arzneistoff vor allem im Rahmen der Chemotherapie von Krebserkrankungen eingesetzt werden. Mit Zytostatika wird das Zellwachstum gestört, verzögert oder verhindert, damit sich die Tumorzellen nicht weiter teilen und im Körper verbreiten (streuen) können.
Der nun erstmals in Magdeburg synthetisch nachgebaute Wirkstoff Disorazol Z1 gehört den Angaben zufolge zu den weltweit hoffnungsvollsten Verbindungen in Bezug auf die Zytotoxizität, also die Fähigkeit, die Teilung von menschlichen und tierischen Zellen hochwirksam zu verhindern und Zellen zu zerstören. Der Naturstoff wird von Myxo-Bakterien produziert, heißt es weiter, die weltweit verbreitet sind und häufig in organischen Abfällen wie Ziegenmist vorkommen. Bereits vor einigen Jahren hatten Wissenschaftler:innen den Bakterienstamm entdeckt und den Wirkstoff isoliert. Seither werde dieser in wissenschaftlichen Studien auf seine Verwendung für mögliche Krebstherapien untersucht.
Extrem giftige Substanz im Labor nachgebaut
"Die Substanz ist extrem aktiv", erklärt Prof. Dieter Schinzer. "Wir sprechen von picomolaren Konzentrationen, also zwölf Nullen hinter dem Komma. Deshalb haben wir aus Sicherheitsgründen zunächst nur zwei Milligramm hergestellt und dabei strenge Schutzvorkehrungen getroffen - Handschuhe, Mundschutz, geschlossene Abzüge. Hätten wir größere Mengen produziert, hätte das gesundheitliche Folgen haben können."
Nach diesem Forschungserfolg soll die Entdeckung schnellstmöglich patentiert und veröffentlicht werden, teilte die Universität Magdeburg weiter mit. Das Forscherteam plane zudem weitere Untersuchungen der Substanz für die Medizin, aber auch zur Optimierung der Synthese für mögliche industrielle Anwendungen. Schinzer zufolge soll die Substanz in Zusammenarbeit mit Industriepartnern so weiterentwickelt werden, dass sie gezielt Krebszellen angreift, während gesunde Zellen weitgehend verschont bleiben.
Entdeckung ermöglicht gezielte Behandlung des Krebstumors
Nach Angaben von Schinzer konnte Disorazol Z1 auf natürlichem Wege bisher nur von Bakterien produziert werden, weshalb die chemische Synthese ein großer Fortschritt für die Krebsforschung sei. Die synthetische Herstellung biete die Möglichkeit, die Verbindung gezielt zu modifizieren und so ihre biologischen Eigenschaften für medizinische Anwendungen zu optimieren. "Wir haben die Natur nachgeahmt, aber mit einem entscheidenden Vorteil. Bakterien produzieren Disorazol Z1 nur in einer bestimmten Form, wir können es gezielt anpassen und für medizinische Anwendungen optimieren."
Bei der medizinischen Optimierung wird Schinzer zufolge das Molekül so verändert, dass es zunächst an ein bestimmtes Eiweiß, einen Antikörper, andockt und so gezielt zum Tumor geführt werden kann. Anschließend werde der Wirkstoff freigesetzt und hemme selektiv die Teilung der Tumorzellen. Dadurch könne der Zelltod, die sogenannte Apoptose, künftig nur noch dort stattfinden, wo er erwünscht sei, so der Wissenschaftler.
- Verwendete Quellen:
- Pressemitteilung der Universität Magdeburg: "Wissenschaftlicher Durchbruch in der Chemie"